Pilzfotografie-Wochenende im Unterengadin

3. - 5. August 2012

Bild: Bernhard Gabi
Bericht

Gespannt sah ich meinem ersten Workshop mit den Naturfotografen entgegen. Worauf hatte ich mich da wohl eingelassen? Schon die Ausrüstungsliste hat mir bewusst gemacht, dass ich meinen in die Jahre gekommenen Traubenkerne-Sack nicht nur zum Füsse-Wärmen verwenden kann, sondern auch meine Kamera stabil darauf platzieren könnte. Zur weiteren Vorbereitung hat Fredu uns allen eine CD zur Verfügung gestellt, auf welcher er mit vielen anschaulichen Bildbeispielen und schriftlichen Erläuterungen auf die wichtigsten technischen und gestalterischen Aspekte beim Fotografieren von Pilzen eingeht. Diese tolle Einführung hat mich erahnen lassen, dass unser Workshop-Leiter viel Erfahrung auf dem Gebiet besitzt und ich sicher ein lehrreiches Wochenende vor mir hatte.

Und so war es dann auch, und noch viel mehr! Schon beim gemütlichen Umtrunk vor dem Essen am Freitagabend fühlte ich mich unter den mir bis dahin unbekannten Teilnehmenden wohl und ich genoss in den folgenden zwei Tagen verschiedene anregende Gespräche mit Gleichgesinnten.

Als wir am Samstagmorgen in unser erstes Exkursionsgebiet aufbrachen, war Fredu wegen der vorangehenden langen Trockenheit offensichtlich etwas skeptisch, ob wir wirklich genügend Pilze finden würden. Werden wir neun Fotografen bei jedem Pilz ein Los ziehen und anstehen, bis wir an die Reihe kommen? Aber nein! Wir fanden zwar weder am Samstag noch am Sonntag grosse Mengen an Pilzen, aber doch so viele verschiedene, dass jede/r sich mit seinem Sujet so lange beschäftigen konnte, wie er oder sie wollte: Pfifferlinge, Täublinge, und Tintlinge, Saftlinge, Steinpilze und Fliegenpilze, Schweinsohren, Korallen ... In vielen Formen und Farben haben wir Pilze entdeckt und ins möglichst beste Licht gerückt. Der Faltreflektor war dabei ein viel benutztes Hilfsmittel. Aber auch wir waren gefordert. Weder der Einsatz von Stativ, Kirschsteinsack oder Winkelsucher können verhindern, dass wir vor diesen bodennahmen Sujets im wahrsten Sinn des Wortes „in die Knie gehen“ müssen, oder gar auf den Bauch. Wie anstrengend dies über zwei Tage werden kann, hatte ich nicht bedacht und war dann etwas erstaunt über meinen Muskelkater.

Wir lernten an diesem Wochenende aber nicht nur zwei ergiebige Pilz-Gebiete, sondern auch weitere Besonderheiten der Unterengadiner Natur kennen: Neben einer grossen Population an Honigorchis auf einer auch sonst blumenreichen Wiese hat uns sicher alle der wunderbare Bestand vom Widerbart beeindruckt, einer sehr seltenen, chlorophyll-losen Orchideenart.

Zur guten Stimmung hat natürlich auch das Wetter beigetragen, wobei sich Sonne und Wolken abgewechselt haben. Die Wolken am Himmel sorgten dabei oft für ideale Lichtverhältnisse und haben sich am Samstag zum Glück erst richtig entleert, als wir schon auf der gedeckten Holzbrücke „am Schärme“ standen. Zudem wurden wir im behaglichen Gasthaus Val d’Uina in Sur En während der zwei Tage auch vorzüglich bewirtet.

Viel zu schnell ist das Wochenende verflogen. Viele Eindrücke von kleinen Details in der Natur sind zum Glück nicht nur auf dem Chip meiner Kamera gespeichert, sondern trage ich in mir selber mit. Wie wertvoll diese sind, machen mir dann leider die Zeitungsberichte bewusst, die eine Woche später erscheinen: „Über 40 Kilo illegal gesammelte Pilze in Graubünden beschlagnahmt“. Nach der Pilzschonzeit, die im Kanton Graubünden vom 1. bis 10. jedes Monats dauert, haben offenbar viele Pilzsammler, die nicht mit der Kamera sondern mit dem Pilzkorb unterwegs waren, mehr als die erlaubten 2kg Pilze mit nach Hause getragen. Wann wird man tatsächlich ein Los ziehen müssen, um einen der wenigen noch vorhandenen Pilze fotografieren zu dürfen?

Umso mehr habe ich mich gefreut zu sehen, wie wichtig es Fredu und allen Teilnehmenden war, dass auch wir sorgsam mit der Natur und somit unseren Sujets umgehen, sei es bei den noch häufigen Pilzen oder beim seltenen Widerbart.

Vielen Dank an alle und besonders Fredu für das spannende und in jeder Hinsicht angenehme Wochenende. Mein erster Workshop mit den NFS wird nicht mein letzter gewesen sein. Bis bald!

Anna-Barbara Utelli

Bilder